Hessen-Pokal: Wurtz schießt Wehen Wiesbaden in den DFB-Pokal – Zuschauer Gewinner beim Finale

Haiger – Drittligist SV Wehen Wiesbaden setzte sich am Samstagnachmittag beim Regionalligisten TSV Steinbach Haiger mit 3:0 (0:0) durch und zog damit durch den Gewinn des Hessen-Pokals in die erste Hauptrunde des DFB-Pokals ein. Abseits des Geschehens auf dem Rasen waren die zugelassenen Zuschauer im „Sibre-Sportpark“ die großen Gewinner. Sie durften nach langen Monaten der Geisterspiele endlich wieder im Stadion dabei sein.

Sehenswertes Panorama im Hintergrund des kleinen Stadions in Haiger.

TSV Steinbach Haiger – SV Wehen Wiesbaden 0:3 (0:0)

Endlich wieder unterwegs in Sachen Fußball und endlich waren auch Zuschauer offiziell gestattet! Deswegen hieß es für mich nach sieben Monaten Dauer-Lockdown zum ersten Mal die Stadtgrenzen Frankfurts zu verlassen, das Fahrrad in der Regionalbahn mitzunehmen und das Hopping-Feeling wieder zu erleben. Mit Umsteigen in Gießen war die Fahrtzeit mit eineinhalb Stunden doch recht kurzweilig. Nervig war da allemal die FFP2-Maske, die später auch im Stadion Bedingung für die Teilnahme an der Veranstaltung war, gerade bei Temperaturen um die 20 Grad. Nach wochenlangen Regenfällen war es ein gutes Wetter und der Weg zum Stadion war noch aus den vorherigen Besuchen in der Stadt im nördlichen Teil des mittelhessischen Lahn-Dill-Kreises bekannt. Die Stadt liegt zwischen Wetzlar und Siegen und damit am Dreiländereck mit Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Dank der zugesagten Akkreditierung durch den HFV und der Erleichterung, keinen Corona-Test zu benötigen, bekam man den Briefumschlag mit dem personalisierten Zutrittsausweis ausgehändigt. Baulich hatte sich seit dem letzten Besuch im September 2019 hier auch einiges verändert. Auf beiden Hintertorseiten entstehen Stehplatztribünen, denn der ambitionierte Klub möchte langfristig in die 3. Liga aufsteigen.

Dabei ist Steinbach – wie viele gleichnamige Orte gibt es eigentlich noch in Hessen? – lediglich ein dörflicher Ortsteil von Haiger mit etwas mehr als 800 Einwohnern. Bis 2007 war man ein normaler B-Ligist, erst als der ehemalige Spieler Roland Kring als Mitbesitzer des regionalen Unternehmens „Siegerland Bremsen“ – kurz „SIBRE“ – als Sponsor in Erscheinung trat, folgten ab der Saison 2008/09 sechs Aufstiege in sieben Jahren und auch die Hessenliga war 2014/15 für die Mittelhessen nur Durchgangsstation. Seit 2015 ist man nun schon fester Bestandteil der Regionalliga Südwest und hat sich dort zu einem Spitzenteam entwickelt, auch wenn es auch in dieser Saison mit dem ganz großen Ziel Aufstieg nicht geklappt hat. Mit dem SV Wehen Wiesbaden stellte sich im Finale ein Profiverein als Gegner vor, dessen Ursprünge in Taunusstein-Wehen (Rheingau-Taunus-Kreis) auch dörflicher Natur sind. 560 Zuschauer waren zugelassen worden, als Bedingung für den Zutritt war neben der Begleichung des Eintrittsgeldes noch ein Beweis vorzubringen, dass man in Sachen SARS-Cov-2 entweder negativ getestet, geimpft oder genesen ist. Dank der sinkenden Inzidenzzahlen waren je 250 Anhänger beider Finalisten erlaubt, der Rest waren Ehrengäste des hessischen Fußball-Verbandes.

Nur jede zweite Reihe war mit Abständen besetzt

Zusätzlich gesellten sich noch Pressevertreter, Ordner, ehrenamtliche Helfer etc. dazu. Gar nicht so einfach war es, die tatsächliche Gesamtzahl an Zuschauern zu ermitteln. Doch dank der Entschlossenheit, durch jeden Block zu gehen und sich nicht von übereifrigen Ordnern verwirren zu lassen, die einem anzeigten, mal laufe mal wieder in die falsche Richtung, war es kein unmögliches Unterfangen. Erleichtert wurde die Zählung durch die Sitzordnung, weil nur jede zweite Reihe besetzt werden durfte und die Besucher auch den Mindestabstand einzuhalten hatten, sofern sie nicht aus dem selben Hausstand kamen. 642 Personen wurden dann ermittelt, was ungefähr auch mit dem Verhältnis normale Zuschauer + Ehrenamtler/Akkreditierungen in Einklang zu bringen ist. Jeder Pressevertreter hatte einen personalisierten gepolsterten Sitz mit Schreibpult aus Metall. Störend war da nur die Plexiglasscheibe davor, sodass man zum Fotos machen immer kurz aufstehen musste. Als Verpflegung in der Halbzeit gönnte man sich noch am Pressekiosk eine Gulaschsuppe mit eiskaltem naturtrübem Radler. Sportlich gesehen stand es eine Stunde lang 0:0 und der Regionalligist agierte gerade zu Beginn mutig und schwungvoll.

Klar durchsetzen konnte sich letztlich doch der Gast aus der Landeshauptstadt und das mit drei Toren von Johannes Wurtz (61./64./86.), der dem SVWW im Aufstiegsrennen eine halbe Saison verletzungsbedingt gefehlt hatte. Nach der Siegerehrung mit der Pokalübergabe war Trainer Rüdiger Rehm mit dem Saisonabschluss seines Teams zufrieden und hob noch die Präsenz der Anhänger hervor: „Schön mal wieder zu sehen, wie sich die Fans freuen. Wie sie das ganze Jahr mitgefiebert haben, obwohl wir keinen Kontakt hatten. Den einen oder anderen habe ich vielleicht mal irgendwo in der Stadt oder vielleicht mal vor dem Stadion gesehen, aber im Großen und Ganzen fehlten sie uns doch. Schöner ist heute, dass wieder Fans im Stadion sind, als der Gewinner auf dem Platz. Natürlich freuen wir uns über den Sieg, aber der Gewinner ist das Publikum, das wieder da ist.“ Auch sein Kollege Adrian Alipour war von der Atmosphäre angetan: „Man hat es nicht vergessen und sich immer danach gesehnt. Ich konnte gar nicht fassen, dass so viele Zuschauer zu diesem Spiel zugelassen werden. Von daher ist es ein großer Schritt zurück in die Normalität und zurück ins Leben. Ich gönne es jedem einzelnen Zuschauer weltweit, die in diesen Tagen in allen Sportarten zurückkommen und dieses Gefühl wiedererlangen.“

TSV Steinbach Haiger: Paterok – Strujic, Mihaljevic, Kirchhoff, Hanke – Eismann (73. Bender), Stock (67. Bisanovic) – Ilhan, März (67. Sawada), Lahn – Marquet – Trainer: Adrian Alipour.

SV Wehen Wiesbaden: Boss – Lankford, Mockenhaupt, Carstens, Niemeyer – Korte (86. Brumme), Medic, Chato (81. Walbrecht), Wurtz – Nilsson (51. Hollerbach), Tietz – Trainer: Rüdiger Rehm.

Schiedsrichter: Timo Wlodarczak (Bebra). Zuschauer: 642.
Tore: 0:1, 0:2, 0:3 Johannes Wurtz (61./64./86.).

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